Ein System, das nicht fällt
Mit ihrer Inszenierung von Bertolt Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, die am 22. November im Emailwerk zur Aufführung kam, legt Cassandra Rühmling eine ausgesprochen klare und zeitpolitisch aktuelle Interpretation des Stücks vor. In einer Zeit globaler Krisen und sozialer Verwüstung klingt Brechts Kapitalismuskritik besonders gegenwärtig.
Rühmling verlegt den Handlungsfokus hin zu einer Gegenwart, die sehr unbehaglich, weil sehr vertraut wirkt: der Schlachthof, ein funktionaler, industriell anmutender Raum als Epizentrum des schlechten Gewissens. Kaltes Licht, reduzierte Requisiten und Protagonisten, die in ihrer schlaffen Einheitskleidung vor allem eines zum Ausdruck bringen: ihre Hilflosigkeit im System.
In der Titelrolle zeigt Rühmling selbst eine eindringliche, vielschichtige Interpretation der Johanna Dark. Ihr Spiel vermeidet bewusst die Falle des naiven Gutmenschentums: Diese Johanna ist getrieben von moralischem Ernst, aber sichtbar verunsichert. Die leisen Töne dominieren, was die seltenen emotionalen Ausbrüche umso wirkungsvoller macht. Genau darauf abgestimmt ist auch die tonale Begleitung durch Robert Kainar. Besonders stark ist jene Szene, in der Johanna erkennt, dass ihr idealistisches Engagement im Angesicht kapitalistischer Härten auf unfruchtbaren Boden fällt – ein Moment der Ernüchterung für Johanna Dark und das Publikum.
Dem gegenüber steht Mauler (Henry Arnold), der Fleischmagnat – in dieser Inszenierung keine Karikatur, sondern eiskalter Taschenrechner im System der Global Player. Der Schauspieler verleiht der Figur eine beunruhigende Mischung aus Eloquenz und moralischer Leere. Seine Beteuerungen, er wäre dem Töten nicht mehr gewachsen, gleichen einer politischen Sonntagsrede. Die Dialoge zwischen Mauler und Johanna werden so zu Kollisionen zweier Weltbilder, und gerade dadurch, dass sich beide aufeinander einlassen, entsteht das grausame Bild der Hoffnungslosigkeit und der Unveränderbarkeit.
Das Ensemble trägt die Aufführung mit beeindruckender Geschlossenheit. Die choreografisch gefassten Gruppenbewegungen der Arbeiterinnen und Arbeiter schaffen starke visuelle Spannungen: mal zögernd und wenig erkennbar, mal in mechanischer Präzision. Bilder eines Kollektivs, das sich zwischen Abhängigkeit und Revolte, Hoffnung und Resignation bewegt. Diese Körperlichkeit ergänzt Brechts theoretische Ausführungen um eine sinnlich erfahrbare Ebene.
Im Finale entfaltet die Inszenierung ihre größte Wirkung. Rühmling verzichtet auf Pathos und erlaubt der hoffnungslosen Logik des Stücks, sich ungehindert zu entfalten: Johanna scheitert – politisch, spirituell, persönlich. Sie ist weder Heldin noch Märtyrerin. Das System besteht, ja, es verschärft sich weiter. Es nährt sich von der Angst der Massen, die sich der scheinbaren wirtschaftlichen Sicherheit unterordnen. Es geht nicht um Leben, sondern ums Überleben. Diese nüchterne, fast sterile Schlusswirkung hinterlässt ein beklemmendes Gefühl im Publikum, das sich mit tosendem Applaus von eben dieser Umklammerung löst.
Cassandra Rühmlings „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ ist ein konzentrierter Theaterabend. Kein einfacher Sieg des Guten, kein pathetisches Happy End, sondern die bittere Einsicht, dass moralischer Idealismus allein oft nicht ausreicht – eine Inszenierung, die mehr fragt, als antwortet und gerade dadurch im Gedächtnis bleibt.
(mw)
