Eine Wanderung abseits ausgetretener Klangpfade
Dass ausgerechnet einen Tag vor der Premiere des Reisetagebuchs "Ich ist der Andere" von Leo Fellinger die Corona-Regeln für Veranstaltungen gelockert wurden, war zwar nicht der Literatur geschuldet, sondern dem Fußball, der Vorteil lag aber auf der Hand. Das bis auf den letzten Platz ausgebuchte Emailwerk war von einer Aufbruchsstimmung geflutet, die Menschen genossen sichtlich die neugewonnene Freiheit. Dass dabei auch die Buchpräsentation und Lesung auf fruchtbaren Boden fiel, war nachvollziehbar. Punkt 19 Uhr betrat die Leiterin des Kulturhauses Verena Fellinger die Bühne und begrüßte die Gäste, allen voran die 90jährige Mutter des Autors als "wichtigste" Person im Raum. Nicht ohne Grund, denn wenn man so will, ist wahrscheinlich kaum etwas so prägend für unser Leben wie die Beziehung zur Mutter und deren Einfluss auf das Kind. Und wenn das Kind sich dann noch als Autor und Fotograf versteht, ist sie eigentlich immer dabei. Diesmal also physisch, was das Publikum zum ersten lautstarken Applaus bewegte.
Dann betraten der Autor und Pianist Martin Gasselsberger die Bühne. Das Konzept, Lesungen mit Musik zu ergänzen, ist wahrhaftig nicht neu, in diesem Fall spielten die Elemente Wort und Klang aber auf besondere Weise zusammen. Martin Gasselsberger gelang das Kunststück, die Bilder, die das geschriebene und gelesene Wort im Kopf des Zuhörers erzeugen, mit einem Soundtrack zu bereichern, der die Stimmung der zum Teil sehr persönlichen Reisetexte verstärkte und eine andere Dimension brachte. Das Zusammenspiel von Berichten über die peitschende Brandung der Nordsee auf Sylt und der Gegensatz des gegenüberliegenden Wattenmeeres zum Beispiel und die darauf folgenden Klänge komplettierten das Erlebnis auf durchdringende Weise. Beim Text, der aus Marokko berichtete, begleitete Gasselsberger mit Pattern, die dem kulturspezifischen arabischen Tonsystem mit seinen eigenen Skalen und Intervallstrukturen sehr nahe kamen und formgebende Muster ergaben, die sich in die Worte und Silben des Textes förmlich hinein schmiegten.
Die Buchpräsentation selbst war begleitet von einer Vernissage und Bilderschau, nehmen die monochromen Fotografien des Buches doch einen wesentlichen inhaltlichen Teil in Anspruch. Die NDR-Kultur-Redakteurin Silke Lahmann-Lammert schreibt in ihrer Rezension über das Buch: "Für seinen Bildband ist Leo Fellinger an so schöne Orte wie Venedig, San Francisco oder in die Provence gereist. Dort hat er seine Eindrücke nicht nur mit der Kamera eingefangen, sondern auch zu Papier gebracht: in Briefen an sich selbst. Ein früher Morgen in Venedig. Schon bald werden die Kreuzfahrtschiffe anlegen und endlose Ströme von Tagestouristen in die Stadt spucken. Noch ist der Markusplatz ruhig. Leer, bis auf einen Straßenfeger, der seinen Besen schwingt, und ein chinesisches Paar, das auf seine Trauung wartet. Der Bräutigam im topmodischen Zweiteiler, die Braut im weißen Spitzenkleid. Rund um ihre Schleppe picken Tauben Krümel aus den Ritzen zwischen den Steinplatten. An diesem Morgen sei er um fünf Uhr aufgestanden, schreibt Leo Fellinger in einem Brief, den er später an sich selbst adressieren wird. Mit seiner Kamera streift Fellinger durch die Gassen und fängt den morbiden Zauber der Lagunenstadt ein. Den fahlen Mond über einem Kanal - fernab der Touristenrouten. An den Häusern, die das Wasser säumen, bröckelt der Putz. Vor einem der wenigen Läden, die keinen Nippes, sondern Waren für Einheimische anbieten, fotografiert er einen Handkarren mit gefährlich hoch gestapelten Gemüsekisten. Auch als ihm ein alter Venezianer begegnet, der im Gehen seine Morgenzeitung liest, drückt er auf den Auslöser. Dabei ist Venedig nur einer von vielen Orten, die Fellinger in Fotos einfängt und in Briefen beschreibt: Island, Schweden und Marrokko gehören ebenso zu seinen Zielen wie San Francisco, die Normandie, die Nordseeinsel Sylt oder die toskanische Maremma. Wohin er auch reist, überall gelingen ihm Aufnahmen von tadelloser Ästhetik. Hinzu kommt, dass der Österreicher nicht nur mit der Kamera, sondern auch mit Worten umzugehen weiß. Farbig, fesselnd und lebendig schildert er, was ihm unterwegs widerfährt. Das Ergebnis ist ein Coffee Table Book im besten Sinne. Ein Bildband, der sich so genussvoll herunterschlürfen lässt wie ein italienischer Espresso. Oder ein eiskalter Rosé an einem Sommerabend in der Provence..."
Ich ist der Andere
Ein autobiografisches Reisetagebuch mit monochromen Bildern
von Leo Fellinger
207 Seiten, 28,3 x 24 cm
Erschienen im Otto Müller Verlag Salzburg
ISBN 978-3-7013-1286-3
Preis: 49,00 €, erhältlich im guten Buchhandel
