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10.11.2025 10:00 - Uhr

Ein Abend für ein ganzes Leben

Matthias Löscher stellte am 7. November 2025 im Kulturhaus Emailwerk sein Projekt Songs Of Life vor – an jenem Ort, an dem er vor rund 15 Jahren seine Karriere als – heute -  New Yorker Ausnahmegitarrist begann. Begleitet wurde er von Jonathan Hoard, einem Mann, den man guten Gewissens als Ausnahmesänger bezeichnen kann. Die Veranstaltung war Teil der aktuellen Konzertreihe bzw. der Veröffentlichungstour rund um Songs Of Life und zog ein erwartungsvolles Publikum in den für diese Formation vergleichsweise kleinen Saal des Emailwerks.

Schon die ersten Takte machten klar: Das ist kein typisches Gitarrenkonzert, sondern ein vielschichtiges Song-Projekt, das Löscher zwischen Singer-Songwriter-Intimität, Jazz-Improvisation und souligen Momenten balanciert. Löscher, der seit Jahren in New York wirkt und als vielseitiger Gitarrist und Komponist bekannt ist, bringt in Songs Of Life seine Erfahrungen aus Jazz, Pop und urbanen Genres zusammen – die Arrangements sind organisch, die Produktion im Konzert bewusst „echt“ und ohne übertriebene Studio-Politur. Das erklärt die emotionale Direktheit, mit der Löscher dem Publikum begegnete.

Die Bühne des Emailwerks, schlicht beleuchtet, erwies sich als idealer Rahmen: nah am Publikum, kein großes Drumherum, stattdessen Raum für Klangdetail und Präsenz. Löscher eröffnete mit ruhigen, fast kammermusikalischen Gitarrenfiguren, die nach und nach von warmen Pedal-Sounds und filigranen Rhythmusmustern durchzogen wurden. Seine Spielweise wechselte elegant zwischen angeschlagenen Akkorden, fließenden Melodielinien und bluesigen Soli – immer mit dem Gespür für Liedform und Textatmosphäre. Die technische Brillanz, die Löscher sein Eigen nennt, trat nie dominierend in den Vordergrund; stattdessen stellte er seine Virtuosität in den Dienst des Songs.

J. Hoard war an diesem Abend alles andere als ein „Gastsänger“, sondern die erzählerische Achse fast aller Nummern. Seine Stimme, kraftvoll und dennoch verletzlich, verlieh den Stücken Tiefe: Er bewältigte soulige Höhen und intime Leisetöne gleichermaßen und verstand es, Phrasierung und Dynamik mit Löscher zu verweben. Besonders eindrücklich waren die Momente, in denen die Stimme nur minimal von Löscher auf der Gitarre begleitet wurde oder von sparsamen, bassähnlichen Pedalklängen getragen war. Dann trat die lyrische Botschaft klar und ungeschminkt hervor. So etwas erlebt man als Zuhörer, wenn überhaupt, nur sehr selten – dementsprechend hingerissen zeigte sich das Auditorium.

Höhepunkte des Abends entstanden dort, wo Songmaterial und Improvisation sich die Hand reichten. Ruhige, beinahe hymnische Stücke entwickelten sich im Verlauf zu offenen Passagen, in denen Löscher in dialogischer Form auf J. Hoards vokale Reaktionen antwortete – Momente, in denen Farbe und Spannung eine echte künstlerische Vertrautheit offenbarten. Andere Nummern zeigten die lyrische Bandbreite: politische, nachdenkliche Texte wechselten mit persönlichen Erinnerungen und kleinen Alltagsschnipseln, die zusammen das Motto Songs Of Life greifbar machten.

Das Publikum reagierte aufmerksam, oft zunächst zurückhaltend, dann zunehmend begeistert applaudierend – man wollte einfach keine Note verpassen. Der Saalcharakter des Emailwerks – nah, trocken im Klang, ohne Hallballast – half der Intimität: atmende Pausen waren hörbar, Zwischenansagen wurden mit Gelächter belohnt, Beifall kam aus nur einem Ort – dem Herzen.

Löscher und Hoard bevorzugten eher das Flanieren durch Stimmungen als eine stringente Spannungskurve mit klaren Höhepunkten. Das Ergebnis war kein straff strukturierter Abend, sondern ein intimer Gang durch eben diese Lebensmomente – was das Konzert noch persönlicher und intensiver machte. Man konnte nicht anders, als sich den beiden Künstlern und ihrem Ausdruck völlig hinzugeben.

Songs Of Life im Emailwerk war ein Konzert, das mit musikalischer Ehrlichkeit, unvergleichlicher Virtuosität und einer Stimme, die eine eigene Seele zu haben schien, zutiefst berührte. Kein spektakuläres Show-Feuerwerk, sondern ein Abend, der durch seine ruhige Intensität und sein melodisches Feingefühl bestach. Songs Of Life mit Matthias Löscher und J. Hoard war zweifellos einer der schönsten und bewegendsten Acts, die das Emailwerk je beherbergen durfte – ein Abend, der jedem Zuhörer auf Lebenszeit im Herzen bleiben wird.

(mw)