Wenn das Unmögliche unvermeidlich wird: Ein Abend mit Helga Kromp-Kolb
Es ist einer dieser Abende im Emailwerk Seekirchen, an denen die Luft förmlich knistert. Das Kulturhaus ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Erwartung im Raum ist greifbar, als Helga Kromp-Kolb die Bühne betritt. Auf Einladung eines starken regionalen Netzwerks – vom Bildungswerk über die e-5-Gemeinden bis zum Kulturverein Kunstbox – ist die Ikone der österreichischen Klimaforschung gekommen, um über weit mehr als nur Daten und Fakten zu sprechen. Auf die Bemerkung, dass es sich bei diesem Vortrag ja um keine Kulturveranstaltung handelt, obwohl sie auf einer Kulturbühne stattfindet, antwortet sie verschmitzt: „Glauben sie wirklich, dies wäre keine Kulturveranstaltung? Wenn wir das machen, was wir machen müssen, um Klimaschutz herbeizuführen, dann ist es ein Kulturwandel. Und insofern ist es das hier wirklich auch eine Kulturveranstaltung.“
Mit einer sanften, aber bestimmten Stimme nimmt Kromp-Kolb das gebannte Publikum zur Einleitung mit auf eine 500 Millionen Jahre dauernde Zeitreise. Es ist still im Saal, während sie erklärt, dass wir Menschen Neulinge auf diesem Planeten sind. Unsere gesamte Zivilisation blühte in einer außergewöhnlich stabilen Warmzeit auf. Doch diese Stabilität wankt. Dass die Alpenrepublik Österreich heute bereits Temperaturen erreicht hat, die Forscher erst für 2040 prognostizierten, sorgt für ein kollektives Innehalten. Die Dringlichkeit ist plötzlich keine abstrakte Schlagzeile mehr, sie ist hier, im Raum.
Dann führt sie das Publikum charmant, aber unnachgiebig zu den blinden Flecken unserer Gesellschaft. Sie spricht über die soziale Ungerechtigkeit – darüber, dass das reichste Zehntel für fast die Hälfte der Emissionen verantwortlich ist – und über die gewaltige, oft ignorierte Last des Militärs. Doch statt in Pessimismus zu verharren, webt sie eine neue Erzählung: die „Gewinnagenda“. Klimaschutz, so ihre zentrale Botschaft, ist kein schmerzhafter Verzicht. Es ist der Weg zu einer höheren Lebensqualität. Sie skizziert eine Welt, in der wir weniger Materielles besitzen, aber mehr Zeit, mehr Gesundheit und mehr Gemeinschaft gewinnen. Eine Welt, in der Geld wieder Tauschmittel ist und Bildung kritisches Denken fördert. Hier wird nicht über Verbote gesprochen, sondern über eine Vision, die Lust auf morgen macht.
Besonders hellhörig werden die Gäste, als es um den Unterschied zwischen dem persönlichen Fußabdruck und dem „Handabdruck“ geht. Ja, bewusst zu konsumieren ist wichtig, aber die wahre Macht liegt im gemeinsamen Handeln. „Große Veränderungen wurden historisch immer von unten durchgesetzt“, betont sie. Es geht darum, das Umfeld zu begeistern und die Politik in die Pflicht zu nehmen. In diesem Sinne zeigt sie auch Wege aus der Krise auf: Technologische Lösungen wie Erneuerbare Energien sind essenziell und bereits kostengünstiger als fossile Alternativen, reichen aber allein nicht aus. Kromp-Kolb plädiert für: Effizienz - Gleiche Leistung mit weniger Energie, Suffizienz - Die Frage nach dem „Genug“, denn ein gutes Leben ist mit deutlich weniger materiellem Aufwand möglich, und Resilienz - Systeme müssen widerstandsfähiger gegen Schocks werden, auch wenn dies zulasten maximaler Effizienz geht.
Zum Abschluss des Vortrags stellt sie drei existenzielle Fragen in den Raum, die das Publikum sichtlich bewegen: Was wollen wir unbedingt beibehalten? Was müssen wir mutig loslassen? Und was können wir von alten Kulturen wieder lernen? Als dann das Licht im Saal wieder angeht, bricht nicht enden wollender Applaus aus. Die anschließende Diskussion ist lebendig, voller Energie und Tatendrang. Man spürt: Die Menschen verlassen das Emailwerk an diesem Abend nicht mit hängenden Köpfen, sondern mit einem geraden Rücken. Helga Kromp-Kolb hat es geschafft, die Angst vor dem Wandel in die Begeisterung für einen Kulturwandel zu umzuwandeln. Denn wenn wir eine gemeinsame Vision für 2040 entwickeln, wird das heute scheinbar Unmögliche plötzlich zum politisch Unvermeidlichen. Helga Kromp-Kolb hat an diesem Abend im Emailwerk Seekirchen aufgezeigt, dass der Wille zur Gestaltung genau hier beginnt: bei uns. Bei jedem und jeder Einzelnen.
(lf)
